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von Heiner Schultz

Eine hochinteressante Ausstellung zeigt der Kunstverein. Zu sehen sind Zeichnungen des als „Züricher Sprayer“ weltbekannten, bedeutenden Künstlers Harald Naegeli, und seine Graffiti, dokumentiert in Fotografien von Wolfgang Spiller. Zur Eröffnung waren beide da.

Er war für einige der Held ihrer Jugend, sagte Vorsitzender Gert Heiland in seiner Begrüßung. Doch seine Heimatstadt hieß seine Werke nicht gut. Naegeli, Jahrgang 1939, begab sich nämlich auf nächtliche Streifzüge, um „Poesie gegen Einfallslosigkeit“ zu verbreiten. Heute nennt man das „Street Art“. Das fanden die Züricher Ende der 70er gar nicht gut und verurteilten den Künstler 1981 wegen Sachbeschädigung zu einer Geld- und einer Gefängnisstrafe.
Naegeli ging nach Düsseldorf ins Exil. Trotz der Intervention zahlreicher Künstler, Schriftsteller und Politiker und einer von ihm selbst eingereichten Beschwerde bei der Europäischen Menschenrechtskommission wurde er nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 1984 ausgeliefert. Nach sechs Monaten wurde Naegeli aus der Strafanstalt entlassen und zog nach Düsseldorf, wo er weiter sprühte und lebt.
Überdies erarbeitete er ein zeichnerisches Werk auf Papier, das in Beispielen zu sehen ist. Dabei geht es um die Bewegung und die Reduktion des Konkreten. Neben klassischeren Arbeiten, bei denen oft die Natur eine Rolle spielt, entstanden große abstrakte „Urwolken“ als Tuschezeichnungen, an denen der Künstler oft Monate lang arbeitet. Naegeli ist Mitglied im Deutschen Künstlerbund. Er zählt zu den Vorläufern der Street Art in Europa und zu den ersten Künstlern, die sich politisch motivierten Interventionen auf der Straße widmeten. Er selbst sieht sich als Zeichner, der sich nicht nur auf Papier beschränkt, sondern auch Mauern und Wände für seine Werke nutzt. „Damals galt es als Schmiererei, heute versucht man, die Werke museumstauglich zu konservieren“, schloss Heiland.
„Ich bin sehr glücklich über die hohe Ehre, in der Domstadt meine Ausstellung zeigen zu können“, sagte der Künstler, der am Mittwoch wieder vorm Bezirksgericht Zürich stehen musste. Sein Statement hatte er schon vorbereitet und verlas es (wir berichteten): „Ich klage an, dass Sie Kunstwerke überhaupt vernichten, unsichtbar machen und obendrein als kriminell bezeichnen, statt diese zu schützen und zu wahren, wie es das Gebot der Kultur wäre.“ Überdies plädiert er „für eine Neubestimmung des Begriffs Sachbeschädigung.“
Die Ausstellung ist bis 5. November im Kunstverein, Hauser Gasse 17, zu sehen. Öffnungszeiten: Freitag 16 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 14.30 Uhr, Sonntag 13 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung. Kontakt: www.wetzlarer-kunstverein.de

 

Nachtrag: Der Prozess gegen Harald Naegeli am 4. Oktober in Zürich ist ohne Urteil zu Ende gegangen. Das Gericht rief den Kläger – die Stadt Zürich – und den 77-Jährigen auf, sich gütlich zu einigen. Naegeli war wegen Sachbeschädigung durch Graffiti aus den Jahren 2012/2013 angeklagt. (dpa)

 

 

 

 

 

 

Ein paar Eindrücke von der Naegeli-Ausstellung am Sonntag. Ein entspannter und netter Künstler: Harald Naegeli kam am Samstag, um die gemeinsame Ausstellung mit dem Fotografen Wolfgang Spiller, der seine Arbeiten seit Jahren dokumentiert, vorzubereiten. Beide halfen auch bei der Hängung. Als kleine Stärkung teilte sich der 77-Jährige mit dem 1. Vorsitzenden Gert Heiland eine Tafel Schokolade, passend für einen Schweizer. Die Vernissage am Sonntag war ebenfalls erfolgreich, vor allem die starken Worte Naegelis als Schlusswort in einem Prozess in Zürich beeindruckten. Der WNZ gab Naegeli auch ein Interview (http://epaper.mittelhessen.de/eweb/zld/2017/10/04/111/16/6202680/?q=naegeli). Bei der Vernissage  stand der Künstler dann im Mittelpunkt des Interesses.  Fotos: W. Spiller/J. Czech

Der Wetzlarer Kunstverein lädt für 1. Oktober 2017, 11 Uhr zur Vernissage der Ausstellung einer Ikone ein: Harald Naegeli. Der als Sprayer von Zürich bekannt gewordene Künstler ist für viele der Urvater der Street Art und des Graffiti. Er hatte aus Protest gegen das montone Stadtbild Ende der 1970er Jahre nachts seine illegalen Wandzeichnungen auf Gebäude und Plätze platziert, zeichnete und verbreitete Parolen und Figuren in ganz Zürich. Während die allgemeine Öffentlichkeit und die Behörden dies als Sachbeschädigung werteten, maßen Intellektuelle und Künstler den Zeichnungen schon damals einen künstlerischen Wert bei. Naegli musste für seine Kunst sogar ins Gefängnis. Heute gelten seine Strichmännchen als Kunst, ist der 77-Jährige ein international geachtete Künstler. Die schnellen Graffiti sind nur eine Seite des Künstlers Naegeli. Die archaisch anmutenden Strichmännchen sind für ihn eine „Rückbesinnung auf den Ursprung der Zeichnung“, auf die Höhlenbilder der Eiszeit-Jäger. Die Linie ist für ihn eine „Extase“ und „eine einmalige Dynamik der Bewegung“. Die andere Seite sind die mit feinster Tuschfeder gezeichneten "Wolkenbilder", an denen er jahrelang arbeitet, ohne sie je abzuschließen. Die "Urwolke" sei sein Versuch, sich der Unsterblichkeit zu nähern, sagte er einmal, und diese endlose Zeichnung ende erst mit seinem Tod. Naegli lebt in Düsseldorf.
Zweiter im Bunde ist der Fotograf Wolfgang Spiller. Er hat die verlorenen Zeichnungen Naegelis im öffentlichen Raum dokumentiert.

Es war eine schöne Sache. Der Kunst-Grundkurs 12 der Goetheschule mit Natascha Hoefer hat die Galerie besucht. Kunstunterricht vor dem lebenden Objekt gewissermaßen. Zum Programm gehört auch das Zeichnen von Details in ausgewählten Arbeiten von Christian Sämann, Roderich Helmer und Wolfgang Michaeli. Es wurde still und konzentriert gearbeitet, und die Resultate können sich sehen lassen. Also, liebe Kunstlehrer im Lande, wer es Frau Hoefer gleich tun will: Bitte melden! 

Wetzlar Der Mensch ist in der Lage, vor einem Spiegel stehend, sein Ebenbild zu erkennen – spiegelverkehrt, auf sein momentanes Äußeres, seine Mimik beschränkt. Der Ist-Zustand. Das Spiegelbild ist längst keine Kopie des eigenen Ichs, sondern ein rein augenblickliches wie bereits „modifiziertes“ Eben-Bild eben. Wetzlar Der Mensch ist in der Lage, vor einem Spiegel stehend, sein Ebenbild zu erkennen – spiegelverkehrt, auf sein momentanes Äußeres, seine Mimik beschränkt. Der Ist-Zustand. Das Spiegelbild ist längst keine Kopie des eigenen Ichs, sondern ein rein augenblickliches wie bereits „modifiziertes“ Eben-Bild eben Wie vielschichtig das Thema „Ebenbilder“ ist, zeigen 16 Aktive des Wetzlarer Kunstvereins in ihrer Jahresausstellungen im Stadthaus am Dom. Sie wurde am Freitagabend zum Auftakt der „Nacht der Galerien“ vor rund 70 Besuchern eröffnet.

Insgesamt 30 Werke – Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Collage, Fotografie, Skulptur – zeugen von sehr individuellen Herangehensweisen an das Thema. Bereits in ihren einführenden Worten verwies Ulrike Sott (Kulturamt) darauf, dass dies schon allein die Bandbreite an Synonymen bedinge.
Ein klassischer künstlerischer Weg ist das Portrait von sich selbst oder von anderen. Doch Gestaltungs- und Ausdruckstiefe sind auch hier mannigfaltig: realistisches, verfremdetes oder abstraktes Abbild? Soll eine bestimmte Gemütsregung oder gleich ein tiefgründiges Seelenbild wiedergegeben werden?
Anne Held hat sich für Selbstportraits entschieden und fünf kleinformatige, aus Fotografie mit i-Painting gestaltete farbige Stimmungsbilder geschaffen. Mal Silhouetten, mal verschwommen schemenhaft, mal konturenhaft oder in der Dunkelheit verborgend, äußern sich Heiterkeit, Traurigkeit oder Nachdenklichkeit.
In ihrer Bleistift- und Bleipaste-Zeichnung „Gesichter eines Lebens“ hat hingegen Gabriele Hünninger zwar ebenfalls dem Portrait einer einzigen Person zugewandt, doch die Gruppe aus fünf verwobenen Köpfen spricht aus verschiedenen Lebensstationen heraus miteinander und zeugt von einer allmählichen äußerlichen Transformation – die Ähnlichkeit aber bleibt.

Und wer doch mal in den Spiegel schaut, erkennt vielleicht nicht nur sich selbst, sondern auch eine gewisse Ähnlichkeit des Haustiers mit Herrchen oder Frauchen. Dies scheint Holle Klein in einer comicartigen kleinformatigen Serie von Acrylbildern humorvoll in Szene zu setzen.
Apropos Spiegelung: Fotograf Lamar Dreuth wendet sich statt dem Menschen in seinem Werk „Schilf“ der Natur zu. Monochrom und sehr kontrastreich entwickelt, formt sich die Spiegelung des Gewächses sowohl im Wasser als auch auf vertikaler Achse zu einem kaleidoskopartigen, fast schon abstrakten Ebenbild-Geflecht. Auf Vervielfältigung, Gleichnis setzt Fotografenkollege Holger Daberkow: In seinen „Ebenbildern“ fügt er dem Motiv von in Reih und Glied drapierten Weingläsern ein weiteres hintenan, das eine Doppelung eines kleinen laufenden Mädchens zeigt – so, als wäre das genetische Clonen geglückt.
Wenn man den Menschen als Ebenbild Gottes verstehen will, dann dürfen auch Akte nicht fehlen: Roderich Helmer zeigt in seinem Triptychon „Einblicke“ ebensolche in sinnlicher, fragiler Natur mit feinem Strich.

Mann und Frau sind auch Thema der „Einzelgänger“-Tiefdrucke von Renate Mergehenn: Die Ebenbilder sind auf figürliche Silhouetten reduziert, „die wie Schablonen zusammengehören und sich dennoch getrennt im Nichts gegenüberstehen“, so Sott.
Ähnlich reduziert auf das Wesentliche kommt die einzige Skulptur der Ausstellung: Regina Schnerschs menschengroßes Gebilde aus schwedischem Labrador-Naturstein lässt eine schlanke, körperliche Gestalt erahnen – doch ob weiblich oder männlich, bleibt ungewiss.
Die aus Offenbach stammende und jüngst nach Marburg gezogene Bildhauerin ist das neueste Mitglied des Wetzlarer Kunstverein.

Zu den ausstellenden Künstlern zählen noch Renate Bechthold, Erich Biemer, Renate Brühl, Renate Donecker, Hans-Jürgen Hädicke, Ingrid Lütjens, Renate Mergehenn, Wolfgang Michaeli und Margret Uellenberg. Die Ausstellung kann noch bis zum 9. Juli besichtigt werden. Sie hat dienstags bis freitags von 9 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 14.30 Uhr sowie sonntags von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Eintritt frei.

Christian Lademann